Vespa 150 GS (VS1T-VS5T)

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1955 brachte Piaggio ein atemberaubendes neues Modell auf den Markt: Die Vespa Grand Sport. Sie war in allen Belangen das genaue Gegenteil zum ein Jahr zuvor kläglich gefloppten Billigmodell 125 "U". Ausgehend von den mit den "Sei-Giorni"-Werksrennmaschinen gesammelten Erfahrungen hatten die Ingenieure ein sehr hochwertiges Fahrzeug entwickelt, das auch den Anprüchen sportlich orientierter Fahrer voll gerecht wurde.

Aus nun 145ccm drückte die Maschine satte 8 PS bei beachtlichen 7500 U/min auf die Bremse, natürlich mit Umkehrspülung und Flachkolben statt des altertümlichen Nasenkolbens der anderen Vespamodelle. Der DellOrto UB23-Fallstromvergaser war zugunsten eines kurzen, geraden Ansaugwegs direkt am Zylinder montiert. Die Kurbelwellen- und Getriebelager sowie die Kupplung wurden erheblich verstärkt. Es gab erstmals eine Viergangschaltung, die sehr gut mit dem enorm drehfreudigen Motor harmonierte. Endlich hatte die Vespa den "Stachel" bekommen, den ihr Name versprach.

Die deutlich gestiegenen Fahrleistungen (mit einem leichgewichtigem Fahrer in liegender Haltung knackt die GS die 100km/h-Marke tatsächlich) machten umfangreiche Änderungen an den Bremsen und am Fahrwerk erforderlich, um die Stabilität und Sicherheit des Rollers auch bei hohen Geschwindigkeiten zu gewährleisten. Das Chassis wurde darum erheblich verstärkt, das Beinschild an den oberen Ecken abgerundet und seitlich eingewölbt zugunsten einer verbesserten Aerodynamik. Das sehr stabile Chassis der GS ist mit 21kg das schwerste je produzierte Vespa-Fahrgestell; es wiegt ca. vier Kilogramm mehr als die Rahmen der anderen "großen" Vespamodelle.

Zum ersten Mal kam bei der GS eine 10-Zoll-Bereifung zum Einsatz, die die Unterbringung vergrößerter und mit Alukühlrippen versehener Bremstrommeln ermöglichte. Die vordere Radaufhängung wurde vollständig überarbeitet, so daß auch bei starkem Bremsen noch ein ausreichender Fahrbahnkontakt des Vorderrades gewährleistet blieb. Eine Sitzbank statt des bisherigen Sattels sorgte für guten Kontakt zwischen Fahrer und Fahrzeug. Der Tankinhalt betrug stattliche 12 Liter. Der Scheinwerfer saß nicht mehr auf dem Kotflügel sondern bildete zusammen mit dem Lenker ein einheitliches Alugussteil, nur die (noch) extern verlegten Seilzüge störten die harmonische Optik ein wenig. Die Ausstattung war gegenüber den anderen Vespamodellen jener Zeit sehr luxuriös, es gab eine Batterie für die Standbeleuchtung und das Signalhorn, dazu erstmals auch ein Zündschloß, der beleuchtete Tachometer hatte eine 120 km/h-Skala.

All dieses war 1955 natürlich eine kleine Sensation und die GS war dementsprechend ein begehrtes, aber auch teures Modell, das sich nicht jedermann leisten konnte, wodurch die Stückzahlen relativ gering blieben. Sie war bis 1961 als Spitzenmodell der Vespapalette unter stetigen Modellpflegemaßnahmen in Produktion, insgesamt wurden mehr als 120.000 Stück hergestellt. Die GS ist die letzte Vertreterin der ersten Vespageneration, denn bereits seit 1957 wurden die Rahmen der anderen Vespamodelle in einem rationellerem Produktionsverfahren aus zwei Hälften verschweißt und hatten eine neue Motorkonstruktion erhalten, die ebenfalls enorme Einsparungen ermöglichte. So war die GS gegen Ende ihrer Bauzeit bereits ein Anachronismus, die Einstellung der Produktion war trotz der anhaltenden Beliebtheit abzusehen.

Ihre direkte Nachfolgerin, die GS160, mit der sie noch einige Zeit parallel angeboten wurde, basierte bereits auf der neuen Chassis- und Motorkonstruktion. Die Motorleistung der GS160 betrug zwar ebenfalls 8 PS, aber die urspüngliche Drehfreudigkeit des Motors blieb zugunsten besserem Durchzugs und geringerem Wartungsaufwand auf der Strecke. Auch wenn die GS160 wieder mit einigen Innovationen aufwarten konnte, so war doch das Konzept zugunsten erhöhtem Komforts verwässert. So ist die GS150 bis heute ein einzigartiger Solitär in den vielen Vespabaureihen geblieben, die "etwas andere" Vespa, eingefleischte Enthusiasten behaupten sogar, sie sei die Allerbeste, die es jemals zu kaufen gab.


In der heutigen deutschen Rollerszene gilt die GS150 weithin als lahmes "Altherrenfahrzeug", das - oft als "Chromorgel" mit reichlich Zubehörlammetta versehen - sein Dasein in der Garage fristet und nur wenige Kilometer im Jahr gefahren wird. Dieser Ruf begründet sich zum Teil auf die nach vielen Jahren hochtourigen Betriebs oft sehr müde gewordenen Motoren, wodurch der Roller viel von seinem einzigartigen Charakter verliert. Die Arbeiten am Motor der GS150 verlangen ein gewisses Maß an KnowHow, da sich die Konstruktion von den "modernen" Vespamotoren doch recht stark unterscheidet. So gelingt es nicht immer, dem Motor sein ursprüngliches Potenzial zurückzugeben, oft verursacht durch minderwertige Ersatzteile aus moderner Produktion, die bei weitem nicht die für einen einwandfreien Lauf des Motors erforderliche Präzision und Qualität der ursprünglich verwendeten Bauteile besitzen. Aufgrund dieser Umstände geriet die Baureihe völlig zu Unrecht in den Ruf der Unzuverlässigkeit. Dabei eignet sich eine "gut gemachte" GS in kundiger Hand auch heute noch für ausgedehnte Auslandreisen über viele 1000 Kilometer und verfügt über ausreichend Motorleistung, um sich im modernen Stadtverkehr behaupten zu können.

Aufgrund der massiven Unterbewertung und trotz des (noch) recht hohen Fahrzeugbestandes in Deutschland stehen die Aussichten derzeit schlecht für die einstige Diva. Immer noch werden restaurierungswürdige Fahrzeuge geschlachtet und in Einzelteilen verkauft, viele gute Exemplare werden nach Übersee, insbesondere in die USA exportiert, wo man den Wert der GS offenbar besser einzuschätzen weiß. Ob unter diesen Bedingungen die ohnehin schon schwierige Versorgung mit hochwertigen Ersatzteilen aufrecht erhalten oder aufgebaut werden kann, scheint überaus fraglich. Hier liegt mit Sicherheit die größte Herausforderung für die noch verbliebenen und zukünftigen Besitzer und vor allem Fahrer dieses einstigen Technologieträgers, dessen Bremsen und Kupplung nahezu unverändert noch über 25 Jahre später in der PX 200 verbaut wurden.